Rastlos

 

 

 

Sieben Tage sind bereits vergangen, seitdem er seine Königin das letzte Mal gesehen hat und es kommt ihm wie eine halbe Ewigkeit vor. Larry läuft aufgeregt von einem Zimmer zum nächsten, er weiß einfach nichts mehr mit seiner Zeit anzufangen, er kann nur noch an sie denken. Sein Apartment schürt unsichere Gedanken und nimmt ihm die Luft zum Atmen. Ungeduldig wartet er auf den Anruf, er wartet auf den Anruf von Madame B. Warum meldet sie sich nicht mehr? Er hat es satt zu warten, aber ohne sie ist sein Leben nur halb so lebenswert. Er fühlt sich gefangen in dieser Unerträglichkeit, gefangen in einer Zwischenstation aus permanenter Sehnsucht und Erfüllung.

Madame B. lernte er in einem BDSM Club kennen. Eines Nachts streifte er durch die dunklen Gassen in London und stoppte vor den »Murder Mile Studios« auf der Theydon Road. Es war schon zu spät und das Studio geschlossen, aber Larry fühlte sich auf seltsame Weise zu diesem Ort hingezogen, er würde zurückkehren. Am nächsten Morgen machte er einen Termin an der Rezeption aus. Madame B. wurde zu seiner auserwählten Göttin. Mittlerweile besucht er sie seit drei Jahren, eine tiefe Beziehung hat sich zwischen den beiden entwickelt und Larry fühlt sich unfähig, dieser süßen Sucht zu entkommen. Sie versteht ihn, sie weiß genau, was er braucht und auch sie fühlt sich auf eine gewisse Art zu ihm hingezogen. Der schmale Grad zwischen Professionalität und Intimität wurde schon ein paar Mal angekratzt, aber Madame B. kehrt immer wieder zurück zu ihrer verlässlichen Routine. Dann bestraft sie Larry noch mehr als sonst, als wäre es seine Schuld, sie zu begehren.

 

Larry sitzt am Küchentisch und knabbert nervös an seinen Fingernägeln. Das Nagelbett ist schon so verkürzt, das kaum noch Nagel zu finden ist. Niemals lässt er das Telefon aus den Augen, er schleppt es in jeden Raum, auch auf den täglichen Sitzungen über der Klomuschel, er darf ihren Anruf einfach nicht verpassen. Seine Beine wollen nicht zur Ruhe kommen, ständig vibrieren sie, dabei so heftig, dass der heiße Kaffee vom Tisch auf Larry’s Schoß kippt. In diesem Moment beißt er sich zu tief in die Haut und blutet. »Scheiße!«, brüllt er und springt auf. Kurzerhand drückt er seine Stirn an den Türrahmen: Wie konnte es nur so weit kommen? Larry nimmt einen tiefen Atemzug, Kaffeetropfen plätschern aufs Parkett.

 

Er erinnert sich an blühende Wiesen in Glanworth, das Schloss, die Brücke am Fluss. Irland, er denkt gern zurück an seine Vergangenheit, auch wenn er diese jetzt versucht aus seiner eigenen Welt fernzuhalten. Als kleiner Junge trieb es ihn nach draußen, jeden Tag gab es etwas Neues zu entdecken, die Natur bot ihm unendliche Möglichkeiten. Es gab nur wenige Vorschriften, eine davon war täglich um 18 Uhr nach Hause zu kommen und zu Abend zu essen. Wenn er sich nicht daran hielt, drohte ihm Strafe. Er wuchs ohne Vater mit zwei größeren Brüdern auf. Seine Mutter wusste, dass sie mehrere Rollen erfüllen musste, um zum einen Emotionalität zu bieten, aber auch Strenge walten zu lassen. Mit der Emotionalität war es nicht so weit hergeholt, aber Schläge gab es oft. Dann legte sie Larry übers Knie und versohlte ihm den Hintern mit der flachen Hand oder anderen Gegenständen, wie dem Teppichklopfer aus der Abstellkammer. Er fand Gefallen an den Schlägen und merkte, wie sich sein Glied aufstellte, immer wenn die Mutter ihn bestrafte. Plötzlich ertappte er sich dabei, wie er mit Absicht Fehler machte, um wieder bestraft zu werden. Einmal stand Larry am Tisch in der liebevoll gestalteten Landhausküche und schubste die Vase seiner Mutter auf die Mosaikfliesen. Das Keramikgefäß, ein Geschenk ihrer verstorbenen Großtante, zersprang im Nu in hundert Bruchstücke. Daraufhin bekam er die Prügel seines Lebens. Schmunzelnd lag Larry auf dem Schoß der Mutter, während er sein Gesäß kaum noch spüren konnte. Danach ging er in sein Zimmer und betrachtete seinen wunden Hintern im Spiegelbild. Dieses Bild törnte ihn so sehr an, das er anfing, seinen Penis wie wild zu reiben. Ein kleiner Junge im Alter von 12 Jahren stand vor seinem eigenen Spiegelbild, mit heruntergelassenen Hosen, aufgekratzten Knien und dem Orgasmus eines echten Mannes. Misstrauisch blickte er auf die Flüssigkeit zwischen seinen Fingern und roch daran. Es gefiel ihm, alles daran gefiel ihm. Er lies sich auf sein Bett fallen und schrie kurz auf, als seine Pobacken die Bettlaken berührten. In diesem Moment bemerkte er eine fantastische Lusterfüllung und konnte seitdem an nichts anderes mehr denken, außer sich diesen masochistischen Gelüsten hinzugeben. Es erfüllte ihn mit einer Ausgeglichenheit, einer Ruhe, die er noch nicht kannte.

 

In seiner Studienzeit lernte er viele Mädchen kennen, er wollte normale Beziehungen führen, scheiterte allerdings stets an der Ausführung. Immer wieder versuchte er seine Freundinnen zu provozieren, um Schläge einzukassieren und sei es nur eine lächerliche Ohrfeige. Er machte sie eifersüchtig, beleidigte sie, kam zu allen Verabredungen zu spät. Nichts passierte, sie verließen ihn stillschweigend. Keine Beziehung hielt länger als sechs Monate. So gingen die Jahre ins Land und Larry lernte, nach all diesen frustrierenden Erlebnissen allein zu bleiben und lieber auf Gesellschaft zu verzichten. Ein attraktiver Bursche entsagte sich der Tradition und entschied sich für hemmungslosen Genuss, den Genuss der Madame B.

Madame B. hat ihn erzogen, wie es seine Mutter getan hat. Sie hat ihn ausgepeitscht, wenn er nicht gehorchte. Sie hat ihn mehrere Ohrfeigen verpasst und schaute ihm dabei tief in die Augen. Sie hat ihn gefesselt, ihm Fragen gestellt, und wenn er nicht artig antwortete, schlug sie ihm zwischen die Beine oder ins Gesicht. Sie konnte sehen, wie jeder Schlag sein Glied noch mehr erregte und sich seine Vorhaut langsam hinter die zarte Eichel zurückschob. Sein stolzes Glied präsentierte sich wie ein majestätischer Baumstamm: fest, inflexibel, unveränderlich. Mit einer Reitpeitsche versuchte Madame B. ihn zu brechen, aber es gelang ihr nicht. Der Penis glühte prächtig und forderte mehr. Sie verbot Larry zum Höhepunkt zu kommen, sie zögerte es bis ins Unendliche hinaus, erst wenn sie es gewährte, durfte er ins Leere abspritzen. Madame B. faszinierte ihn, er verliebte sich in sie, weil sie ihn verstand, weil sie ihm Ruhe schenkte. Er sehnte sich nach ihren vollen Lippen, zu gern würde er zwischen ihre Beine fassen, die Lederstilettos über ihre Fersen streifen, mit seinem Mund in ihrem Geschlecht versinken, sie riechen, sie schmecken. Manchmal war ihre Wange ganz nah an seiner, während er mit gefesselten Armen und Beinen vor ihr stand, dann versuchte er sie zu küssen und erhielt sofort einen kräftigen Hieb ins Gesicht. Sie bestimmte hier, er würde sich ihr fügen. Die Regeln, die sie aufstellte, fesselten ihn zugleich in seinem Alltag. Durch seine jahrelange Treue wurde sie zu seiner persönlichen Domina. Sie rief ihn an, wenn sie sich danach fühlte. Sie gewährte ihm einmal pro Woche Einlass in ihrem Studio, in der Zwischenzeit stellte sie ihm Aufgaben. Wenn sie anrief, erfüllte Larry ihre Forderungen, kurz darauf ging es ihm besser. Er war verloren in dieser unvollkommenen Liebe und dennoch konnte er sich nichts Schöneres vorstellen.

Sieben Tage sind bereits vergangen, seitdem er seine Königin das letzte Mal gesehen hat und es kommt ihm wie eine halbe Ewigkeit vor …